Nach der polaren Eröffnung in Levi – brasilianischer Premierensieg, französische Bestätigung, finnisches Aufwachen – führt der Weltcup in ein deutlich raueres Umfeld: Gurgl, der Kirchenkar und sein steiler Hang oberhalb des Top Mountain Crosspoint. Keine Mythen, keine Traditionen, keine Folklore. Nur ein kompaktes Gletscherkar, steil, präzise präpariert und gebaut für zwei kompromisslose Durchgänge.

Schon zwei Ausgaben reichen, um den Charakter des Ortes zu verstehen: Gurgl gehört niemandem. Die Strecke offenbart – sie schenkt nichts.

Kirchenkar — Technische Daten

Ort: Hochgurgl (Ötztal, AUT)

Name: „Kirchenkar“ = das Kar der Kirche

Höhenlage: Start 2.475 m – Ziel 2.265 m

Höhenunterschied: 210 m

Homologation: 15061/10/23

Tore: ca. 65 pro Lauf (Referenz 2024)

Schnee: sehr hart, präpariert für zwei vollständige Läufe; im Zielraum sind Plusgrade möglich.

Drei Winter, drei Geschichten

Die Premiere 2023 war eine österreichische Machtdemonstration: Feller – Schwarz – Matt, harte Piste, sauberer Set, Atmosphäre wie ein kleines Nightrace. Ein Heimsieg auf Heimterrain.

Doch 2024 klang anders:

  • 1. Clément Noël (FRA) – 1:46,25
  • 2. Kristoffer Jakobsen (SWE) – +0,43
  • 3. Atle Lie McGrath (NOR) – +0,44

Kein Österreicher auf dem Podium, nur einer in den Top Ten. Der Kirchenkar zeigte sich neutral – fordernd, präzise, gleichgültig gegenüber Nationalfarben.

So kommt 2025 auf eine vertraute Strecke – gleiche Homologation, gleicher Höhenunterschied, gleicher Charakter – aber ohne natürlichen Besitzer.

Lucas Pinheiro Braathen — von Björn zum Kirchenkar

Levi bot Braathen die Szene seines Lebens: erster Weltcupsieg, erster brasilianischer Triumph, ein Rentier namens „Björn“ als Hommage an den Vater. Ein perfekt inszenierter Saisonauftakt.

Gurgl ist das Gegenteil: steil, eng gesetzt, kaum Übergänge, harte Unterlage bis ins Ziel. Von Beginn an präzise und kompromisslos.

2024 wurde er hier Vierter, gut eine Sekunde hinter Noël. Jetzt kommt er als Gejagter – und mit der Aufgabe, die Emotion von Levi in österreichische Genauigkeit zu übersetzen. Ein Sieg hier wäre mehr als ein Moment: der Beginn eines echten Narrativs.

Clément Noël — Gurgl als Ausdrucksraum

2023 noch Zwölfter auf einer unbekannten Piste, kontrollierte Noël ein Jahr später das gesamte Rennen: sauberer erster Lauf, schärferer zweiter, klarer Sieg vor Jakobsen und McGrath.

Gurgl liegt ihm: direkter Hang, frühe Kurvenansätze, präzise Driftkontrolle. Die Sets belohnen sein stärkstes Profil.

Nach dem Podium in Levi geht es für ihn um etwas Einfaches und Zentrales: Kontinuität. Gewinnt er erneut, wird die olympische Saison kein Neustart – sondern ein klarer Aufbau.

Blöcke in Bewegung — Schweiz, Norwegen, Nordisch, Österreich

Schweiz. Meillard wurde 2024 Fünfter, Nef konstant im vorderen Bereich, Yule immer gefährlich. Eine „technisch-trockene“ Strecke, die gut zur Schweizer Präzisionskultur passt.

Norwegen. McGrath 3., Kristoffersen 6., Haugan 9. – stark, aber nicht dominant. Levi verlangt nach einer kollektiven Antwort, besonders mit Braathen im Mittelpunkt.

Schweden & Finnland. Jakobsen bestätigte mit Rang 2, wie gut ihm kompakte, rhythmische Hänge liegen. Hallberg (8. im Vorjahr) hat die Chance, außerhalb der Heimat einen echten Schritt zu machen.

Österreich. Nach dem Dreifachsieg 2023 schmerzt der Verlust von 2024 spürbar. Die Erwartungshaltung ist klar – doch Gurgl lässt sich nicht von Emotionen leiten.

Die ersten zwei Ausgaben

2023: 1. Feller (AUT), 2. Schwarz (AUT), 3. Matt (AUT) – österreichischer Dreifachsieg; Noël 12.

2024: 1. Noël (FRA), 2. Jakobsen (SWE), 3. McGrath (NOR); Hallberg 8., Gstrein 10.

Was Gurgl wirklich aussagt

Bestätigt Braathen Levi, hat der Slalom womöglich ein neues Gesicht. Gewinnt Noël erneut, wird Gurgl zu seinem Ausdrucksraum – und zu einem Marker des Olympiawinters. Setzen sich Schweiz, Norwegen oder die Nordländer durch, erzählt die Saison von Dichte statt individueller Dominanz.

Der Kirchenkar hat keine Mythen und keine Folklore. Aber über zwei Läufe und 210 Höhenmeter formuliert er bereits eine kleine Wahrheit: Hier lebt man nicht vom Ruf. Hier hält man die Linie.

F.R. ARP